Fundstücke - Grenzgänger
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Sommer

Es war einer dieser Tage, die zwischen Sommer und Herbst liegen und sich nicht entscheiden.

Um Henni zu verstehen, ihren Wagemut und Starrsinn, schauen wir uns die ganze Sache mit dem Kaffeeschmuggel etwas genauer an.
Geschmuggelt hatten damals eben viele – mit zwei Kilo Bohnenkaffee für den Schwarzmarkt konnte man den Tageslohn eines Arbeiter verdienen! Doch Henni hatte da noch eine andere Idee:

Das Vennplateau! Niemand kannte sich dort so gut aus wie sie. Schon mit acht Jahren hatte sie sich heimlich da oben herumgetrieben. An Sommertagen, wenn die Sonne hoch stand, war die golden schimmernde Ebene ihr Märchenland gewesen. Die Mutter hatte diese Ausflüge verboten und warnend die Geschichten von denen erzählt, die im Moor geblieben waren, aber jetzt kam es ihr vor, als sei die Zeit damals eine Art Vorbereitung gewesen. Ein Wink des Schicksals. 
Über das Plateau konnte sie auf die belgische Seite gelangen, ohne das Moor zu verlassen. Der Weg war deutlich kürzer als die Routen, die sie bisher gegangen waren, und dort oben trauten sich nur selten Zöllner hin.

Da war sie fünfzehn Jahre alt und fest davon überzeugt, dass das Leben es gut mit ihr meinte
.

Aber im Winter, da würde es nicht so leicht werden ...